Sonntag, 13. Dezember 2015

Auszug der Leseprobe ~ Rocky Mountain Secrets ~ Virginia Fox

Von der lieben Virginia Fox haben wir eine Leseprobe als PDF erhalten. 
Wir stellen euch in den nächsten Tagen immer wieder Textauszüge aus der Leseprobe vor :) 
Viel Spaß beim lesen ♥




ROCKY MOUNTAIN SECRETS LESEPROBE (© by Virginia Fox 2015) 


Kapitel 1 Avery Wilkinson trat scheinbar gelangweilt von einem Bein aufs andere. Seit fünf Monaten war sie undercover. Eine gefühlte halbe Ewigkeit. Manchmal war es schwierig, sich zu erinnern, wo die Fiktion aufhörte und die Realität begann oder umgekehrt. Sie kratzte sich die rechte, zur Hälfte kahl geschorene Seite ihres Kopfes. Auf der linken Seite fiel ihr langes schwarzes Haar bis auf die Schultern in unregelmäßige Stufen geschnitten glatt herab. Die Spitzen hatte sie knallrot gefärbt. Ihre Augen hatte sie mit schwarzem Kohl großzügig umrahmt. Alles, um ihr Cover als jugendliche Punkrockerin aufrechtzuerhalten. Bald würde sie zu alt sein für diese Rolle und konnte sich hoffentlich vermehrt auf ihre Tätigkeit als Profilerin konzentrieren. Doch momentan schöpfte dank ihrer makellosen Haut und ihrem schmalen, fast jungenhaften Körperbau niemand Verdacht. Als sie den Arm hob, stießen die Nieten ihrer schwarzen Lederjacke mit einem metallischen Klimpern aneinander. Miss Marple, ihre Wanderrate, die im Inneren der Jacke wohnte und ebenso wie sie Angestellte der DEA, des amerikanischen Drogendezernats war, streckte die Nase raus und blinzelte sie aus schwarzen Knopfaugen an. Sie strich ihr über den Kopf und fütterte ihr einen Sonnenblumenkern aus der Tüte in ihrer Tasche. „Du musst noch warten. Die Zeit ist noch nicht reif.“ Die Ratte packte den Kern und verschwand wieder in der zwei Nummern zu großen Jacke. Sie hatte es in den vergangenen Monaten geschafft, sich im Monsanto-Clan einzuschleichen, einer Familie mit Mafiaverbindungen. Ihre Spezialitäten waren Geldwäsche und Drogen. Bis jetzt war es der DEA allerdings noch nicht gelungen, irgendetwas davon zu beweisen. Hier kamen Avery und Miss Marple ins Spiel. Die Ratte war ausgebildet wie ein Drogenspürhund. Bis auf Sitz, Platz und Fuß natürlich. Gutes Benehmen brachte Miss Marple selbstverständlich mit und mussten nicht extra geübt werden. Ursprünglich stammte sie aus den Niederlanden. Dort war sie aus dem Versuchsprogramm der Polizei geflogen, angeblich, weil sie eine zu tiefe Trefferquote aufwies. Avery vermutete, dass das Problem eher Miss Marple Sensibilität war und sie im Gegensatz zu vielen ihrer Artgenossen den menschlichen Kontakt sehr genoss. Sperrte man sie ein und holte sie nur hervor, um mit ihr zu trainieren, verkümmerte sie richtiggehend. Sie selbst war auf jeden Fall äußerst zufrieden mit der Arbeit ihrer kleinen Helferin. Bis jetzt hatte sie sie noch nie im Stich gelassen. Momentan war sie auf vier verschiedene Gerüche trainiert. Doch das Repertoire ließ sich im Prinzip beliebig erweitern. Wenn alles glatt lief, würde sie ihre gute Nase heute einmal mehr unter Beweis stellen können. Nach eingehender Analyse der Monsanto-Brüder war herausgekommen, dass die ganze Familie ein großes Herz für Straßenkinder hatte, vermutlich weil sie sich selber von der Straße hochgearbeitet hatten. Ironisch eigentlich, dass sie gleichzeitig mit Drogen handelten, die oftmals der Grund dafür waren, dass Kinder überhaupt auf der Straße landeten, dachte Avery, in Gedanken bei ihrer Freundin Paula zu Hause in Independence, Colorado, die seit einem Jahr eine solche Ausreißerin bei sich zu Hause hatte. Wie es ihnen wohl in den letzten Monaten ergangen war? So aufregend ihr Job auch war, spürte sie doch langsam, wie sie der täglichen Scharade müde wurde. Einfach nur sie selbst zu sein, erschien ihr jeden Tag verlockender. Falls sie sich überhaupt noch daran erinnerte, wer das überhaupt war, sie selbst. Sie verscheuchte die unproduktiven Gedanken und konzentrierte sich wieder auf das Gespräch zwischen Tony und Alberto. Tony hatte sie nach ihrer ersten und natürlich inszenierten Begegnung unter seine Fittiche genommen und behandelte sie wie seine kleine Schwester. Die anderen drei Brüder gingen nicht ganz so weit, doch immerhin tolerierten sie sie, als wäre sie Tonys kleines Hobby. Ihr sollte es recht sein. Solange ihr keiner an die Wäsche wollte und sie die Gelegenheit bekam, ihren Job zu erledigen, war ihr alles andere egal. Kleine Schwester hin oder her, Tony war lange sehr vorsichtig gewesen, wohin er sie mitnahm oder welche Gespräche er sie hören ließ. Sie hatte die schnoddrige Emo-Punkrocker-Teenager


Nummer perfektioniert und eine überzeugende mir-doch-alles-scheißegal-vielleicht-sterbe-ich-auchheute-Stimmung verbreitet, sodass Tony offenbar vor einigen Tagen zu dem Schluss gekommen war, sie sei komplett harmlos. War sie im Prinzip auch. Fast. Bis auf den schwarzen Gürtel in Karate. Und ihr Messer im Stiefel. Und Miss Marple. Miss Marple war immer mit dabei. Tony hatte am Anfang versucht, sie davon zu überzeugen, dass Ratten unhygienisch und eklig seien. Er musste aber bald einsehen, dass Avery ohne ihre Ratte nirgendwo hinging. Also hatte er das Nagetier zähneknirschend akzeptiert. Heute hatte er sie zum ersten Mal zu einer geschäftlichen Besprechung mit seinem Bruder mitgenommen. Das Büro befand sich im oberen Stock einer großen Lagerhalle am Hafen von San Diego. Avery hätte nur zu gerne Miss Marple auf eine Erkundungstour durch die langen Gänge mit den Holzpaletten geschickt. Doch Tony hatte darauf bestanden, dass sie mit ins Büro kam und ihr eingeschärft, bei ihm zu bleiben. Zu schade. Das wäre eine einmalige Gelegenheit gewesen. Plötzlich spitzte sie die Ohren. Sie sprachen über eine Lieferung, die noch heute eintreffen sollte. Sie sprachen nur von „der Ware“. Niemand spezifizierte, worum es ging. War auch ein bisschen viel verlangt. Die beiden wussten schließlich, wovon sie sprachen. „Punkt zehn Uhr musst du hier sein. Fünf Minuten später und sie sind wieder weg“, schärfte Alberto Tony gerade ein. Armer Tony. Auch in einer Gangsterfamilie war es nicht einfach, der Jüngste zu sein. Avery wusste nicht, ob sie an einer schrägen Version des Stockholmsyndroms litt, doch sie fühlte tatsächlich eine gewisse Sympathie mit ihm. Sie seufzte. Die Welt war eben selten ausschließlich schwarz oder weiß. Geräuschvoll ließ sie ihre Kaugummiblase platzen. „Sind wir endlich fertig hier?“, fragte sie schnoddrig. „Gleich, Schätzchen. Ich muss hier noch arbeiten.“ Innerlich erschauderte sie bei der Nennung seines Spitznamens für sie. Doch sie hatte bald erkannt, dass er damit auf eine schräge Art und Weise seine Zuneigung für sie ausdrücken wollte. Also blieb ihr nichts Anderes übrig, als damit zu leben. Alles, was ihren Verdächtigen in der Wahrnehmung ihrer Rolle bestätigte, musste sie wohl oder übel akzeptieren. Nun ja. Fast alles. Deshalb war sie auch so dankbar, dass er nur brüderliche Gefühle für sie zu haben schien. „Kann ich denn wenigstens ein wenig rumlaufen?“, versuchte sie ihr Glück. „Auf keinen Fall“, kam es scharf von Alberto, bevor Tony die Frage überhaupt registriert hatte. Auf Alberto würde sie ein Auge haben müssen. Er war eindeutig der scharfsinnigste der Familie. Er war auch der Einzige, in dessen Nähe sie regelmäßig ein ungutes Gefühl hatte. Ab und zu ertappte sie ihn dabei, wie er sie studierte, als würde er nicht ganz schlau aus ihr. Kluger Kerl. Nur ungünstig für sie. Sie machte sich keine Illusionen. Blut war in diesen Kreisen definitiv dicker als Wasser. Besonders, wenn sich das Wasser als Spitzel herausstellte. Sie verzog das Gesicht zu einem überzeugenden Ausdruck von schmollendem Teenager und ließ sich an der Wand entlang zu Boden rutschen. Aus lauter Langeweile, und um Alberto aus der Fassung zu bringen, holte sie Miss Marple aus der Jacke und setzte sie auf den Boden. Die Ratte setzte sich auf die Hinterbeine und schnupperte interessiert in die Luft. Sie mochte fremde Orte und blühte immer richtig auf, wenn sie die Gelegenheit bekam, eine Erkundungstour zu unternehmen. Alberto schien genervt, als er den Nager sah, beschloss dann aber anscheinend, dass er seine Energie nicht mit ihnen beiden verschwenden wollte. Er wandte sich wieder seinem Bruder zu. „Sieh zu, dass du pünktlich bist“, schärfte er ihm nochmal ein. Als er sich abwandte, rollte Tony mit den Augen und zwinkerte ihr zu. Sie biss sich auf die Lippen und musste sich ein Lachen verkneifen. Manchmal konnte er ganz charmant sein. „Du nimmst die Ware in Empfang, kontrollierst sie und lässt sie in die vorgesehenen Container versorgen. Dafür hast du fünf Mann zur Verfügung. Und lass dein Anhängsel zu Hause“, wies er ihn mit einem Kopfnicken in ihre Richtung an. 


Avery nahm seine Worte ohne eine äußerliche Reaktion zu zeigen zur Kenntnis. Das war auch nicht weiter schwierig, denn Miss Marple saß unter Albertos Schreibtisch und schlug Alarm. Sie klickte mit ihrem Blechfrosch, den sie überall mit sich rumschleppte und als ihren persönlichen Spleen zelebrierte. Zum Glück hatte keiner der Brüder auch nur den blassesten Schimmer, was Clickertraining war. Sonst wäre das Ganze echt schwierig geworden. Die Ratte rannte zurück zu ihr und nahm als Belohnung einen weiteren Sonnenblumenkern in Empfang. Es verwunderte sie nicht, dass Miss Marple etwas gefunden hatte. Sie vermutete, dass Alberto im Schreibtisch entweder Geld oder Kokain liegen hatte. Beides in zu kleinen Mengen, als dass es ihr ermittlungstechnisch etwas gebracht hätte. Es ging hier um mehr als nur eine kleine Menge Rauschgift für den Eigengebrauch. Das würde ihm nur einen Klaps auf die Finger einbringen, eine Geldstrafe und vielleicht ein paar Stunden Sozialdienst. Wahrscheinlich nicht einmal das, bei den Anwälten, die er sich leisten konnte, dachte sie verärgert. Nachdem Alberto Tony eingeschärft hatte, sie zu Hause zu lassen, hatte sie keine andere Wahl, als heute Nachmittag wieder einmal ihren selbst ernannten Beschützer abzuhängen. Sie hielt Miss Marple ihre Jacke auf und ließ sie in ihre sichere Höhle schlüpfen. Hoffentlich waren die beiden bald fertig. Wenn sie heute Abend um zehn bereits wieder hier sein musste, blieb ihr nicht viel Zeit für die notwendigen Vorbereitungen. *

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